Willkommen im 21. Jahrhundert

paleo DriveinNa klar, die überspitzten Kommentare zum Thema Steinzeitfutter bleiben nicht aus. Irgend jemand macht immer einen blöden Witz und leider bleiben dann oft die positiven Effekte des paleo-Prinzips auf der Strecke. Aber es ist auch verständlich, dass die Leute zunächst irritiert sind. Unsere steinzeitlichen Vorfahren haben sich den lieben langen Tag mit Nahrungsbeschaffung und Nahrungszubereitung beschäftigt. Sie konnten gar nicht anders, weil das Nahrungsangebot eben nicht so üppig war. Es war sozusagen ihr „Beruf“.
 
Unsere heutigen Berufe nehmen uns 8 bis 12 Stunden pro Tag in Anspruch, und das an 5, höchstens 6 Tagen der Woche. Was dabei rauskommt kann man (in den meisten Fälle) nicht einmal mit nach hause nehmen, geschweige denn über dem offenen Lagerfeuer zu einer Mahlzeit verarbeiten. Die meisten von uns werden heute in Bits und Bites bezahlt, die nur noch virtuell zwischen Geldinstituten verschoben werden. Wir können am Geldautomaten Papiergeld aus dem Ausgabefach holen. Damit gehen wir dann in den Supermarkt und tauschen das Papier gegen Lebensmittel. Was wir dann nach hause tragen, kann man vielleicht zur einer Mahlzeit verarbeiten – Aber besser nicht über dem Lagerfeuer auf dem Balkon, das gibt Ärger mit dem Nachbarn!
 
Der moderne Mensch hat also in der Regel eine völlig andere Beziehung zu seinen Lebensmitteln, als sein steinzeitlicher Vorfahre. Und die Erzeugung dieser Lebensmittel ist auch eine andere. Wenn das paleo-Prinzip nur bedeuten würde, sich wie die Menschen vor der neolithischen Revolution zu ernähren, wäre es schon im Ansatz gescheitert.
 
Es gibt heute die Pflanzen und Tiere gar nicht mehr, die unsere Vorfahren seinerzeit gesammelt und gejagt haben. Was wir heute finden – vom Apfel bis zur Zuckerrübe – sind durch jahrhundertelange Zucht modifizierte Sorten. Diese haben wenig gemein mit den ursprünglichen Pflanzen, die unseren Vorfahren zur Verfügung standen. Im steinzeitlichen Europa (und auch in Kleinasien!) ist niemals ein Brokkoli im Freiland gewachsen. Das gleiche gilt für die Tiere: Auf europäischen uns asiatischen Weiden läuft kein einziger Auerochse mehr herum, von Mammuts ganz zu schweigen.
 
Dieses Wissen ist elementar, wenn man sich nach dem paleo-Prinzip ernähren möchte. Ich bin kein Genetiker und kann nicht beurteilen, ob wir uns evolutionär seit der neolithischen Revolution an das heutige, westliche Ernährungsmuster angepasst haben. Manche paleo-Freunde behaupten das, vielleicht haben sie recht. Allerdings haben wir die Nahrungsmittel der Steinzeit eben auch nicht mehr zur Verfügung. Wir müssen uns also bestmöglich behelfen.
 
Nach dem Paleo-Prinzips versuchen wir, möglichst unverarbeitete, also „echte“ Lebensmittel zu beschaffen. Das gelingt bei Obst und Gemüse ganz gut. Und wir haben noch den größten Trumpf des 21. Jahrhunderts auf unserer Seite: Globalisierung. Ananas aus Südamerika, Kiwi aus China und Kokos von den Philippinen. Vieles von dem, was der moderne Jäger und Sammler mehr oder weniger selbstverständlich nutzt, hat einen weiten Weg hinter sich. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Vor 30 oder 40 Jahren, als Walter L. Voegtlin seine Thesen zum ersten Mal veröffentlichte, war das längst nicht so einfach.
 
Noch besser steht es beim Fleisch. Wir sind mobil und können mal eben zum Biobauern unseres Vertrauens in 30 km Entfernung fahren, um das Rinderviertel auszusuchen. Das wird dann vom örtlichen Schlachter verarbeitet und wir fahren nochmal die 30 km herüber damit es bei uns schließlich in der Tiefkühltruhe landet. Unsere Vorfahren mussten ihr Fleisch essen, wenn sie es hatten. Konservieren konnten sie es nicht wirklich und Kühltruhen hatten sie auch nicht. Die Verhältnisse sind also völlig andere. Und trotzdem macht das paleo-Prinzip Sinn!
 
Ohne Getreide und Hülsenfrüchte, ohne Milchprodukte und ohne die ganzen industriell verarbeiteten Lebensmittel kann ich gut auskommen. In unserer Überflussgesellschaft lasse ich also einfach die Produkte weg, die mir selber am wenigsten bringen. Ich kann lokal, saisonal und möglichst nachhaltig einkaufen, kann aber auch die Vorteile von Globalisierung und Mobilität möglichst effizient nutzen. Und damit geht es mir sehr gut, besser als vorher. Ob das ganze nun „paleo“ heißt oder „Steinzeitfutter“ oder wie auch immer ist dabei eigentlich egal.
paleo Richtung 
Wichtig ist allein, dass es mir damit gut geht.
 
Habt ihr auch schon mal solche Diskussionen geführt? Wie begegnet ihr den Argumenten, die gegen das paleo-Prinzip vorgebracht werden? Oder steht ihr dem selber auch kritisch gegenüber und wenn ja: warum?

4 Replies to “Willkommen im 21. Jahrhundert”

    1. Hallo Silvia! Schön, dass Du den Weg zu dieser Seite gefunden hast. Einen Überblick über das Paleo-Prinzip findest Du hier bei pan-narrans auf der Seite „Paleo-Wegweiser„. Darüber hinaus kann ich Dir die Seiten empfehlen, über die ich in meiner Kategorie „Lagerfeuer“ berichte. Ich selber habe den Einstieg über die Seite paleo360.de gefunden und mich erst danach auf weiteren Webseiten informiert. Eine Sammlung weiterer wichtiger Webseiten und Blogs findest Du außerdem bei Paleosophie.de. Bei Fragen kannst Du Dich gerne hier auf dem Blog oder auch per mail wieder an mich wenden! Viel Erfolg 🙂

  1. Hi Guido, ein toller Einblick in deine Denkweise. Ich denke, das diejenigen, die die Paleo-Ernährung versuchen ins „lächerliche“ zu ziehen, einfach keine Disziplin haben es längerfristig auszuprobieren. Ich bin über Crossfit dazu gekommen und war erstaunt das so viele Athleten sich so ernähren. Besonders spannend finde ich zudem die Tatsache, dass Paleo kein DOGMA ist sondern eher eine Blaupause, eine Rückbesinnung auf die „Basics“. Es hat auch viel mit Entschleunigung zu tun … Ernährung ist nur ein Aspekt der Paleo-Bewegung.

    Ich habe heute übrigens genau über das Thema „Argumente“ und „Gefährlichkeit von Paleo“ einen Blogartikel geschrieben: Ist Paleo ungesund? … schau doch mal vorbei. Viele Grüße aus Berlin

    Paleo-Iris

    1. Hi Iris! „Entschleunigung“ finde ich ein tolles Stichwort. Ich nehme mir seit meinem Paleo-Start auch viel mehr Zeit fürs Essen. Das geht beim Einkaufen los, geht über die Zubereitung bis zum Essen selber. Ich finde, es lohnt sich diese Zeit zu nehmen 🙂 Deinen Blogartikel schaue ich mir direkt mal an 😉

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